SSM = Surface to Surface Missile


Henschel ‚Hs 293 A-1‘

Ende der 1930er Jahre begann man in Deutschland mit der Entwicklung ferngelenkter freifallender Bomben. Ab August 1943 kamen erstmals Gleitbomben vom Typ Henschel Hs 293 und Ruhrstahl Fritz X gegen alliierte Schiffe zum Einsatz. Der Abwurf erfolgte von Flugzeugen wie der Dornier Do 217 und der Heinkel He 177. Anschließend lenkte der Bediener die Waffe im Flugzeug manuell direkt ins Ziel und nutzte dazu einen ‚Kommandogeber‘ (Joystick) sowie eine Funksteuerung, über die die Steuerbefehle an die Bombe weitergeleitet wurden.

Die Henschel Hs 293 war mit kleinen Tragflächen und einem zusätzlichen Raketenmotor ausgestattet, der ihre Reichweite vergrößerte. Sie konnte Ziele in einer Entfernung von bis zu 18 km bekämpfen, besaß jedoch nur eine begrenzte Durchschlagskraft. Die Ruhrstahl Fritz X verfügte dagegen über keinen eigenen Antrieb und erreichte lediglich eine Reichweite von etwa 5 km. Sie war jedoch speziell für den Einsatz gegen schwer gepanzerte Kriegsschiffe entwickelt worden und besaß eine entsprechend hohe Durchschlagswirkung.

Ruhrstahl ‚Fritz X‘

Beide Systeme gelten als technologische Vorläufer der modernen Seezielflugkörper.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die Sowjetunion eine führende Rolle bei der Entwicklung neuer Seezielflugkörper. Bereits 1957 war mit der P-1 KSShch (NATO: SS-N-1 Scrubber) der erste von einem Schiff aus startbare Seezielflugkörper einsatzbereit. 1960 folgte der sehr erfolgreiche P-15 Termit (NATO: SS-N-2 Styx), der weltweit verbreitet wurde und über viele Jahre Standardbewaffnung zahlreicher Marinen blieb. Schweden führte 1966 den Robot 08 ein, der im Vergleich zu sowjetischen Systemen ein aufwendiges Nachladesystem unter Deck besaß und nicht aus einzelnen Startcontainern abgefeuert werden konnte, was einige Nachteile mit sich brachte. Bei westlichen Marinen konzentrierte man sich lange Zeit weiterhin auf artilleriebewaffnete Überwasserschiffe und trägergestützte Flugzeuge zur Bekämpfung gegnerischer Schiffe.

Am 21. Oktober 1967 griffen ägyptische Schnellboote den israelischen Zerstörer Eilat mit vier SS-N-2 Styx-Flugkörpern an. Das 1944 bei der britischen Royal Navy in Dienst gestellte Schiff verfügte über keine geeigneten Abwehrwaffen und sank nach drei Treffern – die erste erfolgreiche Zerstörung eines Kriegsschiffs durch Seezielflugkörper im Gefecht. Der Eilat-Zwischenfall markiert einen historischen Wendepunkt in der Seekriegsführung. Ähnlich wie der Torpedo ein Jahrhundert zuvor verliehen Seezielflugkörper selbst relativ kleinen Schnellbooten erneut ein erhebliches Bedrohungspotenzial, wobei ihre größere Reichweite im Vergleich zum Torpedo Angriffe aus weiterer Distanz ermöglichte.

In der Folge wurden auch die westlichen Marinen auf die Bedrohung durch Seezielflugkörper aufmerksam und beschleunigten daraufhin die Entwicklung eigener Systeme. Ab den 1970er Jahren führten Seestreitkräfte moderne Seezielflugkörper wie den französischen Exocet und den US-amerikanischen Harpoon in größerem Umfang ein. Diese wurden schnell zur Standardbewaffnung vieler westlicher Marinen. Ihre Wirksamkeit zeigte sich 1982 im Falklandkrieg, als von Flugzeugen abgefeuerte argentinische Exocet-Flugkörper mehrere britische Schiffe, darunter die HMS Sheffield, trafen.

Da sich parallel die Abwehrmaßnahmen kontinuierlich verbessern, lassen sich heute zwei wesentliche Entwicklungsrichtungen moderner Seezielflugkörper unterscheiden:

  1. Stealth-Technik: Durch spezielle Rumpfgestaltung und den Einsatz von Verbundmaterialien wird die Radarsignatur minimiert, sodass die Abwehrsysteme nach deren Entdeckung nur wenig Zeit zum Reagieren haben.
  2. Geschwindigkeit: Die Geschwindigkeit der Flugkörper wird bis in den Hyperschallbereich von über Mach 5 gesteigert, sodass selbst moderne Abwehrsysteme kaum eine Chance haben, den Angriff erfolgreich abzuwehren.

Die Generationen der Seezielflugkörper

Generation Merkmale Beispiel
1. Generation

(1950er  / 1960er Jahre)

  • einfache Elektronik, leicht durch ECM zu stören
  • relativ große Flughöhe
  • kurze Reichweiten (ca. 20 bis 50 km)
  • P-15 ‚Termit‘ (SS-N-2A ‚Styx‘)
  • Robot 08
  • Gabriel I
2. Generation       

(1970er / 1980er Jahre)

  • Sea Skimming
  • Turbojet-Antriebe für größere Reichweiten
  • Plattform-Modularität (ein FK für unterschiedliche Startplattformen)
  • MM 38 ‚Exocet‘
  • RGM-84A ‚Harpoon‘
  • Otomat Mk 1
3. Generation         

(1990er / 2000er Jahre)

  • verbesserter Schutz gegen elektronische Störungen ECCM
  • Wegpunkt-Navigation, Landangriffsfähigkeit (Land-Attack capability)
  • reduzierte Signaturen
  • RBS15 Mk3
  • Naval Strike Missile (NSM)
  • 3M54 ‚Kalibr‘ (SS-N-27 ‚Sizzler‘)
4. Generation       

(Heute und Zukunft)

  • Hyperschallgeschwindigkeit (Mach 5+)
  • extrem geringe Signaturen
  • ballistische Raketen mit manövrierfähigen Gefechtskopf
  • 3M22 ‚Zirkon‘ (SS-N-33)
  • Naval Strike Missile (NSM) Block 1A
  • DF-21D